EU-Flagge in London

Pläne für den EU-Austritt Die Banken, die City und der Brexit

Stand: 14.07.2017 14:12 Uhr

Die in Großbritannien ansässigen Banken mussten bis zum 13. Juli der Bank of England ihre Pläne vorlegen, wie sie sich auf den EU-Austritt vorbereiten. Jetzt prüfen die obersten Banker die Vorschläge - und die Branche fordert klare Aussagen von der Regierung.

Es steht viel auf dem Spiel, daran lässt Mark Carney keinen Zweifel. Am Ausgang der Brexit-Verhandlungen, konstatiert der Chef der Bank of England, hängt das künftige Wohlergehen der britischen Wirtschaft - und insbesondere das der Finanzindustrie: "Eine Million Menschen in diesem Land arbeiten in Finanzdienstleistungen. Die Branche trägt sieben Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, und ihre Steuerzahlungen allein decken zwei Drittel der Kosten des staatlichen Gesundheitswesens ab. Wir könnten das als gegeben hinnehmen. Aber die Brexit-Verhandlungen werden der Test sein."

Tritt das Land, wie geplant, auch aus dem europäischen Binnenmarkt aus, dann verlieren die Banken nämlich einen Riesenvorteil: das "Passporting", ihren sogenannten EU-Reisepass. Dank dieser Regelung dürfen sie bisher aus Großbritannien überall in der EU Geschäfte machen. Doch damit ist nach dem Brexit Schluss.

Finanzdistrikt in London

Dem Finanzdistrikt in London drohen stürmische Zeiten.

Abwanderungen ins EU-Ausland

Darauf muss sich auch die europäische Tochter der japanischen Bank Nomura vorbereiten, sagt Vorstandsmitglied David Godfrey: "Wir haben kürzlich eine Lizenz in Frankfurt beantragt und sind gerade im Prozess, diese zu erhalten. Wir tun dies, um sicherzustellen, dass wir weiter unsere Kunden in ganz Europa bedienen können."

Britische und ausländische Banken mit Sitz in London spielen zwar Szenarien durch, welche Geschäftsteile und wie viele Hundert oder Tausend Mitarbeiter sie abziehen müssen. Konkrete Zahlen sind aber noch Mangelware, denn der Umfang des Banker-Exodus wird auch vom Brexit-Deal abhängen. Die britische Regierung möchte gern rasch ein neues Freihandelsabkommen mit der EU schließen, das für die Finanzbranche am besten alles beim Alten lässt.

Die Zeit reicht wohl nicht aus

Dies in den verbleibenden 20 Monaten bis zum EU-Austritt zu schaffen, hält Andrew Kail von PricewaterhouseCoopers jedoch für fast unmöglich: "Die Chancen, das zu erreichen, liegen nahe Null. Deshalb brauchen wir möglichst schnell ein Übergangsabkommen für die Zeit zwischen Brexit und neuem Freihandelsdeal. In dieser Zwischenzeit - etwa drei bis fünf Jahre - sollten weiter dieselben Spielregeln gelten wie heute."

Kail berät Banken zum Brexit und sagt, seine Kunden könnten nicht mehr lange warten mit ihren Umzugsplänen, sondern bräuchten bald Gewissheit: ob es diese sanfte Übergangsphase gibt - oder ob ein Austritt ohne Abkommen, ein Crash droht. Kein Deal ist für Mark Hoban von der Lobbyvereinigung TheCityUK keine Option; vielmehr sei eine gute Einigung im Interesse beider Seiten.

Regierung muss sich auf Banken einstellen

Über ein mögliches Scheitern der Brexit-Verhandlungen will Hoban lieber nicht sprechen; er war bereits in Brüssel, um für die Interessen der City zu werben. Die konservative Regierung in London hört nach ihrer Schlappe bei der Unterhaus-Wahl jetzt stärker auf die Stimmen der Wirtschaft als vorher.

Das nimmt auch Inga Beale so wahr, die Chefin des Versicherers Lloyds of London. Das Unternehmen wird sein EU-Zelt rechtlich in Brüssel aufschlagen, will jedoch kaum Personal dorthin verlagern.

Die Brexit-Notfallpläne der Branche wird die Bank of England nun prüfen - ob und wann sie ihre Einschätzung dazu öffentlich macht, ist noch unklar. Notenbank-Chef Carney, ein Kanadier, kehrt im Sommer 2019, kurz nach dem EU-Austritt, in seine Heimat zurück. Die britische Finanzindustrie hat mit dem Brexit noch länger zu tun als er.

Dieses Thema im Programm: Dieser Beitrag lief am 14. Juli 2017 um 06:34 Uhr auf NDR Info.