
Folgen der US-Zollpolitik Höhere Verluste als zu Beginn der Corona-Pandemie
Die Bösen weltweit kannten am Freitag nur eine Richtung: nach unten. Die US-Werte verloren so deutlich wie zuletzt zu Beginn der Corona-Pandemie. Der US-Finanzminister hat eine andere Erklärung.
Die von US-Präsident Donald Trump in Gang gesetzte Zollspirale hat die Börsen weltweit zum Wochenausklang erschüttert - auch im Heimatland des US-Präsidenten: Für den Dow-Jones-Index der Standardwerte ging es am Freitag um 5,5 Prozent auf 38.314,86 Punkte abwärts - der niedrigste Stand seit Mitte vergangenen Jahres. Der breiter gefasste S&P 500 rutschte um 5,97 Prozent auf 5.074,08 Zähler ab.
Am Vortag war der weltweit bekannteste Aktienindex bereits um 4 Prozent gefallen, nachdem US-Präsident Donald Trump umfangreiche Importzölle angekündigt hatte. Mit einem Wochenminus von mehr als 8 Prozent war es für den Dow die verlustreichste Börsenwoche seit Jahren.
Der Index der Technologiebörse Nasdaq fiel um 6,07 Prozent auf 17.397,70 Punkte. Seit US-Präsident Donald Trump am Mittwochabend seine Zölle bekanntgab, haben die Unternehmen des S&P 500 über vier Billionen Dollar an Börsenwert verloren. Das ist auf Sicht von zwei Handelstagen mehr als die Kursverluste zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020.
Am Freitag hatte Chinas angekündigt, ab kommenden Donnerstag (10. April) in Reaktion auf die Maßnahmen von US-Präsident zusätzliche Zölle in Höhe von 34 Prozent auf alle US-Waren erheben zu wollen.
China will außerdem Kontrollen für die Ausfuhr von mittelschweren und schweren Seltenen Erden einführen. Damit wächst die Angst der Investoren vor einem weltweiten Konjunkturabschwung.
Laut der US-Bank JPMorgan ist die Wahrscheinlichkeit einer weltweiten Rezession zuletzt von 40 auf 60 Prozent gestiegen. Die Marktexperten großer Banken senkten ihre Kursziele für die großen US-Aktienindizes zum Ende dieses Jahres.
Ein weiterer Grund für die starken Kurseinbrüche: Es war Freitag, der Tag mit der größten Wahrscheinlichkeit für Kursverluste an den Börsen. Ein Treiber ist dabei die Furcht der Anleger vor der handelsfreien Zeit am Wochenende, an der sie auf neue Entwicklungen nicht reagieren können.
Auch, dass die EU betont, weiter an einer Verhandlungslösung interessiert zu sein, hielt die US-Werte auf dem Weg nach unten nicht auf. Handelskommissar Maros Sefcovic sprach am Freitag von "offenen" Gesprächen mit US-Handelsminister Howard Lutnick und dem US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer. "Ich habe klargemacht: US-Zölle sind schädlich, ungerechtfertigt", schrieb Sefcovic im Kurznachrichtendienst X.
Die EU sei zudem zu ernsthaften Verhandlungen bereit, jedoch auch bereit, ihre Interessen zu verteidigen. "Wir bleiben in Kontakt." Eine Stellungnahme der USA liegt zunächst nicht vor. Eigentlich hätten die EU-Gegenzölle bereits Anfang des Monats in Kraft treten sollen, nun steht im Raum, dass sie Mitte April eingeführt werden.
Im Raum stehen auch weiter mögliche Vergeltungsmaßnahmen der EU gegen US-Techkonzerne. Gerade diese Werte standen in den USA wie schon am Vortag unter Druck. Unter den Tech-Giganten büßten Apple-Aktien nach gut neun Prozent am Vortag nun sechs Prozent ein. Damit hat der iPhone- und Mac-Hersteller in nur zwei Tagen fast 490 Milliarden US-Dollar an Börsenwert verloren.
Auch die Chip-Produzenten gehören zu den größten Verlierern der aktuellen politischen Krise und wirtschaftlichen Unsicherheit. Die Kursverluste von Nvidia, Applied Materials, Intel, Broadcom, AMD und Micron reichten von vier bis elf Prozent.
Eine andere Erklärung für den Einbruch am Aktienmarkt hat US-Finanzminister Scott Bessent: Er sieht die Vorstellung der Künstlichen Intelligenz DeepSeek als Ursache für die Turbulenzen. Es sei "eher ein Mag-7-Problem als ein Maga-Problem", sagt Bessent in einem Interview mit dem prominenten Moderator Tucker Carlson.
Abgestoßen wurden ferner die Aktien von "Big Oil" wie Exxon Mobil, Chevron, Baker Hughes und Constellation Energy. Die Kursverluste reichten von 6,3 bis 11 Prozent. Investoren verkaufen aus Sorge vor einer Rezession in den USA die Aktien dieser sehr konjunkturabhängigen Branche.
Auch in Deutschland litt der Leitindex DAX massiv unter den wirtschaftlichen Unsicherheiten in Folge des drohenden Handelskriegs. Der Leitindex stabilisierte sich erst unter der Marke von 20.500 Punkte. Aus dem Handel ging der DAX 4,9 Prozent tiefer bei 20.641,72 Punkten. Der MDAX gab um 5,5 Prozent auf 25.408,54 Zähler nach.
Zeitweise war der DAX am Vormittag um bis zu 5,2 Prozent eingebrochen und hatte mehr als 1.000 Punkte verloren.
Schon an den beiden Vortagen hatte der DAX kräftig Federn gelassen, sodass sich ein mehr als acht Prozent großes Wochenminus angehäuft hat. Er verbuchte damit seinen größten Wochenverlust seit der Frühphase des russischen Überfalls auf die Ukraine im Frühjahr 2022.
Auch in der Gesamtschau des Jahres hat sich das Bild deutlich eingetrübt: Von einem Spitzenplus, das im März beim Rekord noch fast 18 Prozent groß war, ist mittlerweile nur noch ein 3,7 Prozent hohes Jahresplus übrig geblieben.
"Wir sehen nun die unvermeidlichen Vergeltungsmaßnahmen der globalen Handelspartner der USA. Es besteht die Gefahr, dass sich die Rezessionsangst in eine ausgewachsene Rezession ausweitet", sagte Ben Laidler, Leiter der Aktienstrategie bei Bradesco BBI. Experten erwarten, dass der Ausverkauf heute auch erst einmal weitergehen wird.
Die stärker als erwartet ausgefallenen neuen US-Zölle hätten einen deutlich negativen Einfluss auf die Entwicklung der Weltwirtschaft, unterstrich auch Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest. Dieses Einpreisen der neuen Realitäten im Welthandel sei an der Börse noch nicht abgeschlossen.
Der Chef der Notenbank Fed, Jerome Powell, erteilte am Freitag der von Donald Trump geforderten Leitzinssenkung eine Abfuhr. Es sei "zu früh" dafür, hieß es laut einem vorab verbreiteten Redetext von Powell.
Angesichts der Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump warnte der Chef der Fed vor negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Er rechne mit "höherer Inflation und langsamerem Wachstum" sowie steigenden Arbeitslosenzahlen, hieß es in dem Redemanuskript.
Mit Sorge hatten die Marktteilnehmer auch auf die bevorstehende Veröffentlichung des US-Arbeitsmarktberichts für März geblickt. Doch deren Zahlen waren besser als erwartet angesichts der jüngsten Massenentlassungen von Mitarbeitern in Regierungsbehörden.
Insgesamt stieg die Beschäftigtenzahl, gleichzeitig zog aber auch die Arbeitslosenquote etwas an, wie aus Zahlen des Arbeitsministeriums vom Freitag hervorgeht. Das zuletzt angekündigte heftige Zollpaket von US-Präsident Donald Trump spiegelte sich in den Daten noch nicht wider. Die guten Arbeitsmarktdaten halfen den Indizes aber nicht.
Aktien des offenbar ins Visier chinesischer Wettbewerbshüter geratenen US-Chemiekonzerns DuPont stürzen um mehr als 15 Prozent ab. "Wir haben Kenntnis von einem Bericht, wonach die staatliche Behörde für Marktregulierung der Volksrepublik China eine Untersuchung eingeleitet hat. Wir nehmen diese Angelegenheit sehr ernst und prüfen die Behauptungen in dem Bericht", sagte ein DuPont-Sprecher.
Das Unternehmen beliefert die Chipindustrie mit Materialien für die Herstellung, Verpackung und Montage von Hochleistungschips. Auch diese Untersuchung gilt als Teil des Gegenschlags der Volksrepublik inmitten des Handelskonflikts mit den USA.
Die Papiere von Eli Lilly, Pfizer, Biogen, AbbVie und Merck & Co. haben am Freitag zwischen rund drei und rund vier Prozent verloren. Hintergrund war, dass US-Präsident Trump nun doch Zölle auch für den Pharmabereich einführen könnte.
"Ich denke, dass die Pharmazölle in einem Ausmaß eingeführt werden, wie man es noch nie zuvor gesehen hat", sagte Trump vor Reportern an Bord der Air Force One. "Das wird in naher Zukunft angekündigt werden und wird gerade geprüft." Noch am Donnerstag hatten Pharmapapiere zeitweise zugelegt, weil Medikamente vorerst von den angekündigten Zollaufschlägen ausgenommen worden waren.
Aktien von US-Kreditkartenunternehmen rutschten ab, nachdem China im eskalierenden Handelskrieg zusätzliche Zölle auf US-Waren erhoben hat. American Express, Mastercard und Visa verbilligen sich um bis zu 4,6 Prozent.
Anleger fürchten einen Rückgang bei den Kreditkartenausgaben, da erwartet wird, dass das Verbrauchervertrauen unter dem eskalierenden Handelskrieg leidet.
In Grünheide sind die Arbeiten zum Bau des neuen Bahnhofs am Tesla-Werk aufgenommen worden. Unmittelbar am einzigen europäischen Werk des Elektroautobauers setzen Vertreter der Bahn und des Landes Brandenburgs den symbolischen Spatenstich für den neuen Bahnhof Fangschleuse. Der Bau soll 2026 abgeschlossen sein.
Gleichzeitig gaben Papiere des US-Autobauers am Freitag weiter nach.
Der Euro konnte am Freitag seine deutlichen Vortagsgewinne größtenteils verteidigt. Die europäische Gemeinschaftswährung kostete am Nachmittag 1,0968 US-Dollar. Das ist etwas weniger als im frühen Handel. Zeitweise war er Euro über 1,11 Dollar gestiegen. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,1057 (Donnerstag: 1,1097) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,9044 (0,9114) Euro.
Auch die Ölpreise rutschen nach dem Gegenschlag Chinas im Zollstreit mit den USA immer stärker ab. Das Nordseeöl Brent stand am frühen Mittag mit 8,5 Prozent im Minus bei 64,21 Dollar je Fass. Der Preis für US-Öl WTI stürzt um 9,1 Prozent auf 60,84 Dollar je Fass ab. Auf Wochensicht verlieren die Preise damit jeweils mehr als zwölf Prozent. Auch Aktien von Öl- und Gaskonzernen gingen auf Talfahrt.
Das Bundeskartellamt gibt Pläne für die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit Sitz in Deutschland durch die Rüstungsschmieden Rheinmetall, KNDS und Thales frei. Rheinmetall, KNDS Deutschland, KNDS France und Thales sollen jeweils 25 Prozent an dem Unternehmen zur Entwicklung eines neuen Kampfpanzers halten.
Zweifel an einer Übernahme von Gerresheimer drücken die Aktien des Verpackungsherstellers prozentual zweistellig ins Minus auf den niedrigsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Einer Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge macht der US-Finanzinvestor KKR bei der Übernahme von Gerresheimer einen Rückzieher.
Der Autobauer Mercedes-Benz investiert einen hohen dreistelligen Millionenbetrag in sein Werk in Sindelfingen. Entstehen soll damit eine neue und nachhaltige Lackieranlage. Diese Investition sei ein klares Bekenntnis von Mercedes-Benz zum Industriestandort Deutschland, teilte Produktionsvorstand Jörg Burzer mit.
Volkswagen investiert 580 Millionen Dollar in Argentinien. Ab 2027 soll dort im Werk Pacheco bei Buenos Aires ein neuer Amarok-Pick-up für Südamerika gebaut werden, kündigte Europa größter Autobauer an. VW will das neue Modell ausschließlich in Lateinamerika anbieten.
Defensive Werte sind zum Wochenschluss weiter gefragt. Stärkster Sektor sind Nahrungsmitteltitel, allen voran Danone. Die Papiere der Franzosen gewinnen über zwei Prozent und markieren ein Fünfjahreshoch. Auch andere Titel des Sektors wie Unilever und Nestlé legen gegen einen nachgebenden Gesamtmarkt leicht zu.
Nach dem Inkrafttreten der US-Zölle auf Autoimporte will der japanische Autobauer Nissan nach eigenen Angaben zwei in Mexiko hergestellte SUV-Modelle nicht mehr in den USA vermarkten. Nissan setzte die Bestellungen des Infini QX50 und des QX55 aus, die in einer Fabrik in Mexiko für den US-Markt hergestellt werden.
Mit Informationen von Angela Göpfert, ARD-Finanzredaktion.