Marcel Fratzscher
interview

DIW-Ökonom Fratzscher zu Zöllen "Nicht die dramatischen Folgen, die manche befürchten"

Stand: 03.04.2025 21:02 Uhr

Der durchschnittliche Deutsche werde Trumps Zölle nicht wirklich im Portemonnaie spüren, sagt DIW-Ökonom Fratzscher. Gravierender dürften die Folgen in den USA sein. Für Europa sieht Fratzscher Chancen - wenn es richtig reagiert.

tagesschau24: US-Präsident Donald Trump schwingt den Zollhammer. Sollten wir uns wegducken oder gegenhalten?

Marcel Fratzscher: Unbedingt gegenhalten. Denn wegducken heißt, dass Trump ermutigt wird, weiter nachzulegen, weiter zu eskalieren.

Donald Trump hat mit diesen Handelszöllen einen großen Fehler gemacht, weil er sie gegen die gesamte Welt richtet, alle mit Zöllen belegt - zum Teil noch deutlich höher als die 20 Prozent für die EU. Der größte wirtschaftliche Schaden neben Kanada und Mexiko, den Nachbarn der USA, wird den USA selbst widerfahren.

Für Europa ist dieser Moment jetzt eine Chance, sehr klare rote Linien zu definieren und auch Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Zum Beispiel bei den US-Digitalkonzernen, die das Wettbewerbsrecht, Datenschutz und viele andere Regeln in Europa ignorieren und hier kaum Steuern zahlen. Da ist jetzt die Gelegenheit, klare Kante zu zeigen und Trump die Grenzen aufzuzeigen, um eine Eskalation zu verhindern.

Trotzdem ist aber klar, dass Trump unberechenbar bleibt. Wie es weitergeht, wissen wir heute nicht.

Marcel Fratzscher
Zur Person
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Außerdem lehrt der Ökonom als Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

"Könnte Deutschland wieder in eine Rezession treiben"

tagesschau24: Dieser Rundumschlag trifft 185 Länder. Wo würden Sie Deutschland unter den leidtragenden Ländern einsortieren?

Fratzscher: In der unteren Hälfte. Nach unseren Berechnungen könnten die für Deutschland angekündigten Zölle die deutsche Wirtschaftsleistung um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte reduzieren. Das kann man nicht ignorieren. Die deutsche Wirtschaft schwächelt ohnehin und auch dieser Verlust könnte sie wieder in eine Rezession treiben.

In Deutschland wird es manche Branchen stärker treffen als andere, die Exportunternehmen der Automobilbranche und des Maschinenbaus zum Beispiel. Aber gesamtwirtschaftlich ist dieser Schaden kurzfristig erst mal überschaubar. Es gibt das Risiko, dass es eine Eskalation gibt. Aber das, was jetzt angekündigt ist, hat erstmal nicht die dramatischen Folgen, die manche befürchten.

Im Vergleich könnten die USA fünf bis zehn Mal mehr an wirtschaftlicher Dynamik verlieren. Die Preise in den USA werden sehr viel stärker steigen.

Marcel Fratzscher, DIW Berlin, zu Trumps Zollkrieg und seine Folgen

tagesschau24, 03.04.2025 16:00 Uhr

"Es sind eben eher die digitale Dienstleistungen"

tagesschau24: Was bedeuten die Zölle für private Haushalte und Konsumenten in Deutschland? Droht uns ein Jobabbau?

Fratzscher: Ich rechne nicht damit, dass es zu systematischen Preiserhöhungen kommt. Das eine oder andere amerikanische Produkt könnte teurer werden - obwohl die Amerikaner ja gar nicht so viele Güter bei uns verkaufen. Es sind eben eher die digitale Dienstleistungen, die über Werbung und Abschöpfen von Daten finanziert werden.

Andere Produkte könnten günstiger werden. Denn alle Länder der Welt - außer den USA - versuchen jetzt, Produkte, die sie nicht in den USA verkaufen können, anderswo zu verkaufen. Manche Preise könnten also fallen, weil der Wettbewerb zunimmt. Wir müssen uns also erstmal keine Sorgen machen, dass wir in Deutschland eine hohe Inflation oder Preissteigerung haben.

Was Arbeitsplätze angeht: In der Automobilbranche und dem Maschinenbau, die eh schon schwächeln, könnte es nochmal schwieriger werden. Aber gesamtwirtschaftlich rechne ich jetzt mit keinen starken Effekten, die der durchschnittliche Bürger im Portemonnaie wirklich spüren würde.

"Fehler aus der Vergangenheit korrigieren"

tagesschau24: Sie haben die Techkonzerne angesprochen. Wir alle nutzen Google, Apple, Amazon oder X von Elon Musk. Da anzusetzen mit Zöllen oder Gegenmaßnahmen, klingt strategisch schlüssig, aber bisher gab es gegenüber den Techkonzernen eher so etwas wie eine Beißhemmung. Halten Sie da ein Umdenken auf EU-Ebene für realistisch?

Fratzscher: Ja, unbedingt. Und genau darin liegt jetzt die Chance. In der Vergangenheit hat man das aus zwei Gründen nicht gemacht. Zum einen, weil man gesagt hat: Wir wollen Donald Trump nicht provozieren und damit Konflikte erst auslösen. Zum anderen fehlten häufig echte Alternativen zu den amerikanischen Produkten.

Jetzt ist der Konflikt da, und jetzt ist es wichtig, dass Europa dagegenhält. Wir haben keine kleinere Volkswirtschaft als die USA und auch die amerikanische Wirtschaft ist stark von der Weltwirtschaft abhängig. Jetzt geht es darum, Fehler aus der Vergangenheit zu korrigieren und darauf zu pochen, dass US-Digitalkonzerne, die zum großen Teil zu den größten Unterstützern von Donald Trump gehören, auch den adäquaten Preis zahlen und sich an die europäischen Regeln halten.

Jetzt ist der Zeitpunkt, dies mit aller Konsequenz durchzusetzen - auch wenn es vielleicht manchen Unternehmen in Europa kurzfristig wehtut, weil man sich eben dann auf neue Apps oder neue Produkte fokussieren muss.

Das Interview führte Jan Starkebaum, tagesschau24. Es wurde für die schriftliche Fassung angepasst und gekürzt.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. April 2025 um 16:00 Uhr.